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IBA Hamburg

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IBA Hamburg – Sieben Jahre auf der Insel


Aus einem Aufschrei der Bürger entwickelte sich eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas: Mitten in Hamburg suchte die Internationale Bauausstellung IBA Hamburg Antworten auf die dringendsten Fragen der modernen Stadt: 70 Projekte  wurden in Wilhelmsburg, der größten bewohnten Flussinsel Europas, auf der Veddel und im Harburger Binnenhafen bis 2013 und darüber hinaus realisiert.

Nachdem die große Sturmflut von 1962 hunderte Wilhelmsburger das Leben kostete, verließen viele Anwohner die verwüsteten Inseln. In den Folgejahren wurden Wilhelmsburg und die Veddel zu „Problemstadtteilen“, die Negativschlagzeilen produzierten. Engagierte Bürger aus Wilhelmsburg ergriffen die Initiative und erreichten 2001 die Finanzierung einer „Zukunftskonferenz Wilhelmsburg“ durch den Hamburger Senat. Mehr als 100 Bürger arbeiteten gemeinsam mit den Fachbehörden an einem Zukunftsbild für Europas größte Flussinsel und stellten 2002 ein Weißbuch vor: Bessere Schulen und Perspektiven für Kinder und Jugendliche, hochwertige und familienfreundliche Wohnungsneubauten, die Verlegung der Reichsstraße, die Beseitigung von Altlasten und eine verbesserte Verkehrsanbindung waren die Forderungen.

In der Folge beschloss die Stadt Hamburg 2004 das Leitbild „Sprung über die Elbe“ und formulierte 2005 das Memorandum für die Internationale Bauausstellung Hamburg 2013. Die südlichen Stadtteile sollten entwickelt und für das innere Wachstum der boomenden Metropole genutzt werden. Zwei Instrumente sollten dabei helfen: die internationale gartenschau hamburg 2013 (igs) und die Internationale Bauausstellung IBA Hamburg. 

Themen 

Der Vorbereitungsprozess der IBA Hamburg dauerte etwa drei Jahre. Drei Themen wurden der IBA mit auf den Weg gegeben: „Globalisierung produktiv gestalten!“, „Ressourcen aus Wissen und Kultur wertschöpfend nutzen!“ und „Qualitätvolle städtische Quartiere schaffen!“

Unter dem Motto „Zukunft der Metropole“ konkretisierte die IBA Hamburg sie in den Jahren 2007 bis 2010:

2007 trat mit dem 4. IPCC-Bericht das Leitthema der Stadt im Klimawandel machtvoll auf die Agenda – unumgänglich angesichts der verletzlichen Topographie der Elbinseln und der Tatsache, dass Metropolen weltweit sowohl die Hauptverursacher als auch die potenziellen Hauptopfer des Klimawandels sind.

Mit dem zweiten Leitthema Metrozonen lenkte die IBA das Memorandum-Thema „Qualitätvolle städtische Quartiere“ in eine konkrete konzeptionelle Richtung: Hand in Hand mit der Gartenschau sollten die Potenziale der blockierten inneren Stadtränder gehoben werden. Ziel war es, die klassischen Nutzungskonflikte zwischen Wohnen und Arbeiten, in Wilhelmsburg konkret zwischen Hafen- und Stadtentwicklung, mit neuen Methoden des Stadtumbaus zu lösen.

Das Leitthema Kosmopolis entsprang 2007 der Überlegung, Vielfalt als Stärke durch neue infrastrukturelle, städtebauliche und architektonische Lösungen zu gestalten, die der Verfestigung räumlicher und sozialer Ghettos entgegenwirken. Die konzeptionellen Schlüsselbegriffe waren Ausbildung und Beschäftigung.

Diskussionen des im Jahr 2007 berufenen IBA-Kuratoriums und in den Veranstaltungen der Reihe IBA LABOR schärften die Themen weiter. Den Prozess bildet die siebenbändige IBA-Schriftenreihe ab. 

Öffentliche Wahrnehmung

In den Anfangsjahren galt es zunächst zum mentalen „Sprung über die Elbe“ zu verführen und die Stadtteile südlich der Norderelbe in die Wahrnehmung der Hansestadt zu integrieren. Ihre Auftaktkampagne richtete die IBA daher gezielt an den Norden: „Was kann Wilhelmsburg für Eppendorf tun?“. Der IBA-Kunst- und Kultursommer 2007 war mehr als 50.000 Menschen Anlass für einen (ersten) Besuch auf den Elbinseln.

Den allmählichen Imagewandel der Elbinseln sollte auch die IBA-Konvention (2007) befördern. Die Idee: Wesentliche stadtgesellschaftliche Akteure in den IBA-Prozess einzubinden und als Multiplikatoren für die Elbinseln und die IBA Hamburg zu gewinnen. Die Zahl der „IBA-Partner“ kletterte über die Jahre von 46 Initialzeichnern auf über 140 private und öffentliche Unternehmen und Institutionen, die ihr Netzwerk in Facharbeitsgruppen und auf vierteljährlichen Partner-Frühstücken pflegten und zu Botschaftern des „Sprungs über die Elbe“ wurden.

Im Präsentationsjahr 2013 folgten mehr als 400.000 Menschen der Einladung der IBA Hamburg, den Sprung über die Elbe zu machen und die Elbinseln und die Projekte der IBA kennenzulernen. Sieben Jahre nach der Gründung der IBA sind die Hamburger Elbinseln auf dem Weg, vom Hinterhof der Stadt zu einer besonderen Adresse des Aufbruchs zu werden.

Kehrseite dieses Wandels ist die Angst vor einer Verdrängung der ursprünglichen Anwohner. 2013 ist die Gentrifizierung eher ein gefühltes als ein tatsächliches Phänomen. Dennoch muss die Entwicklung weiterhin genau beobachtet werden, damit ein rechtzeitiges Eingreifen möglich bleibt. „Wohnen heißt bleiben!“ und „Aufwerten ohne Verdrängung!“ waren grundlegende Maximen dieser IBA. Beweis sind zahlreiche Projekte für die Menschen, die auf den Elbinseln zuhause sind. 

Beteiligung

Von Anfang an begegneten die Wilhelmsburger Aktivisten der IBA mit Interesse und wacher Kritik. Auf vielen Versammlungen wurden den über 30 lokalen Initiativen in der Anfangsphase die Projekte der IBA vorgestellt. Eine besondere Rolle spielte dabei das IBA/igs-Beteiligungsgremium, das aus 24 Bürgerinnen und Bürgern bestand und die Projekte der IBA beriet. Zwar hatte es keine Beschlussmacht, seine Ansichten waren für IBA und igs dennoch von großer Bedeutung.

Migrantinnen und Migranten waren meist jedoch deutlich unterrepräsentiert. Daher suchte die IBA Hamburg das Gespräch mit Vertretern der muslimischen Gemeinden und Organisationen, die als Multiplikatoren in ihre Gemeinschaften hineinwirkten. Ein wichtiges Beteiligungsformat wurde jenes zur Gestaltung des Sanierungsprojekts Weltquartiers. Insgesamt hat die IBA Hamburg mehr als ein Dutzend zielgruppenorientierter und auf die jeweiligen Projekte zugeschnittener Beteiligungsformate praktiziert.

Unter dem Motto "mitdenken - mitreden - mitgestalten" luden die IBA Hamburg und die igs 2013  außerdem die Bürgerinnen und Bürger regelmäßig zu einem offenen Dialog ein. Die sogenannten Bürgerdialoge waren fester Bestandteil des konstruktiven Diskussionsprozesses und begleiteten beide Gesellschaften von ihrer Gründung an.

Governance 

Internationale Bauausstellungen und ihre institutionelle Ausgestaltung sind keine bekannten Größen – weder für das Publikum noch für Politik und Medien. Der 2007 initiierte „IBA meets IBA“-Prozess – ein enger Austausch der Bauausstellungsmacher untereinander – diente daher einem doppelten Ziel: Der Selbstverortung der IBA Hamburg in der Tradition der Bauausstellungen und einem stadtöffentlichen Diskurs über das Besondere des Formates „IBA“. Die zehn Empfehlungen zur Zukunft Internationaler Bauausstellungen unterstrichen die Bedeutung ihrer kuratorischen Eigenständigkeit.

Um diese operativ zu verankern, wurde am 1. September 2006 die IBA Hamburg GmbH gegründet. Sie schloss in der Folge mit allen wichtigen Partnern und Stakeholdern Kooperationsvereinbarungen ab. Diese „IBA-Kontrakte“ wurden die Grundlage der Zusammenarbeit der IBA mit anderen Hamburger Institutionen von den Bezirksämtern Mitte und Harburg bis hin zur Finanzbehörde. Geregelt wurde die Form der gegenseitigen Information, der Beteiligung der IBA an Genehmigungs- und Entscheidungsprozessen, der Konfliktvermeidung und Schlichtung. Vor allem wurde eine Basis für eine vertrauensvolle und erfolgreiche Kooperation zwischen den Behörden und der IBA gelegt.

Die aufsichtführende Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) richtete 2008 die  Koordinierungsstelle „Sprung über die Elbe“ (KSS) ein. Nur in dieser institutions- und behördenübergreifenden Abstimmungsrunde war es möglich, innerhalb kürzester Zeit Entscheidungsprozesse zu vollenden, die auf dem herkömmlichen Weg Wochen oder Monate gedauert hätten. Die Vorbereitung erfolgte in operativen Gruppen wie der „Projektleiterrunde“ und der „Bauantragskonferenz“ (BauKo). Daneben gab es weitere strategische und operative Abstimmungsrunden zwischen den IBA und igs 2013 und den Bezirken, der Finanz-, der Bildungs-, der Sozial- und der Kulturbehörde, wie zum Beispiel die Lenkungsgruppe Bildungsoffensive Elbinseln. Ohne diese einmalige Kooperation selbständiger Behörden wären die interdisziplinären bildungspolitischen Ansätze der IBA nicht realisierbar gewesen.

Eine zentrale Rolle spielte auch die Stabsstelle Internationale Ausstellungen im Immobilienmanagement der Finanzbehörde, unter deren Leitung die für die IBA notwendigen Grundstücke erworben und der IBA zur Verfügung gestellt wurden. Gemeinsam mit der Stabsstelle führte die IBA „Bestgebotsverfahren“ durch, die die bis dahin üblichen „Höchstgebotsverfahren“ ablösten.

Trotzdem konnte die IBA nicht alle Hürden von Politik und Verwaltung überwinden. Nur ein Beispiel: 2011 wurde die Verkehrsplanung von der Stadtentwicklungsbehörde in die Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation vollzogen. Für die IBA bedeutete die fehlende Gesamtverkehrsplanung eine Gefährdung städtebaulicher Planungen durch offene verkehrspolitische Entscheidungen (z.B. „Hafenquerspange“). In fast jeder Großstadt gibt es Verkrustungen in dem einen oder anderen Verwaltungsbiotop, die auch eine IBA nicht ohne weiteres überwinden kann. Aber auch der allgemeine Rechtsrahmen des Bau- und Planungsrechtes der Bundesrepublik birgt manch gravierendes Hindernis und ist dringend reformbedürftig, wenn man die Innenentwicklung unserer Städte voranbringen will.

Investitionen

Mit zunächst 100, ab 2011 nur noch 90, Millionen Euro Eigenausstattung war der IBA ein enger Rahmen für eigene Investitionen gesetzt. Es galt, private und weitere öffentliche Investitionen zu mobilisieren. Trotz intensiven Werbens um das Interesse von Investoren und Projektentwicklern in unzähligen Gesprächen und Präsentationen war jedoch auch Ende 2008 noch kein privater Mitstreiter gefunden. Die Elbinseln galten nicht als Investitionsstandort für den privaten Wohnungsbau. Nur die städtische Wohnungsbaugesellschaft Saga GWG war bereit, im Weltquartier ein Modellprojekt der Altbausanierung zu realisieren.

Mangels Interesse der institutionellen Investoren setzte die IBA Hamburg zunächst auf die privaten Endnutzer, zum Beispiel auf Baugruppen, mit denen die Projekte Open House und Neue Hamburger Terrassen entstanden, und legte den Fokus auf öffentliche Bauherren: Infrastrukturprojekte wie der BSU-Neubau, das Bildungszentrum Tor zur Welt, das Haus der Projekte oder das Sprach- und Bewegungszentrum und eigene Bauvorhaben wie das IBA DOCK, der Energiebunker oder der Pavillon auf dem Weimarer Platz machten den Auftakt.

Diese öffentlichen Investitionen, auch die der igs in den neuen Inselpark, sowie die politische Unterstützung, die die IBA erfuhr, weckten schließlich doch das Interesse auch der privaten Entwickler. 

Entstehung der Projekte



Ende 2007 zählte die IBA 24 Projekte. Ende 2008 waren es bereits 39: elf Projekte unter dem Thema Kosmopolis, achtzehn in den Metrozonen und zehn in der Stadt im Klimawandel. Zum Zwischenpräsentationsjahr 2010 war die Zahl der IBA-Projekte auf 52 angestiegen. Am Ende der IBA standen 70 Projekte, davon 23 Kosmopolis-, 33 Metrozonen- und 14 Stadt im Klimawandel-Projekte.

Ein IBA-Projekt musste den IBA-Exzellenz-Kriterien genügen, 2007 erarbeitet durch das IBA-Kuratorium. Die Wege zum IBA-Projekt waren vielfältig: Ideen(-aufrufe) der IBA, Projektvorschläge aus der Zukunftskonferenz 2001/2002 oder von Initiativen und Einzelpersonen.

Verbindliche Grundlage aller IBA-Projekte waren Qualitätsvereinbarungen, in denen die „IBA-Exzellenzen“ des Projektes und gegebenenfalls deren Förderung, der Fertigstellungstermin sowie Bürgschaften und Vertragsstrafen geregelt waren. Außerdem wurde vereinbart, dass lokale Handwerksbetriebe in die Ausschreibungen („Bieterverzeichnis Elbinseln“) integriert und jungen Menschen Beschäftigungsmöglichkeiten angeboten werden.

Die ersten Qualitätsvereinbarungen mit privaten Investoren wurden 2009 geschlossen.

Ergebnisse 

Mit 70 Projekten beging die IBA Hamburg 2013 ihr Präsentationsjahr. Einige Projekte waren noch im Bau, andere – wie das „Klimaschutzkonzept Erneuerbares Wilhelmsburg – sind langfristig angelegt. Insgesamt hatte die IBA Hamburg 2013 1733 Wohnungen im Bau oder fertiggestellt, davon 516 Modernisierungen. Hinzu kommen über 100.000 Quadratmeter Gewerbeflächen, acht Bildungseinrichtungen, zwei Seniorenwohnheime, drei Kitas, vier Sporteinrichtungen, ein Gewerbehof, ein Zentrum für Künstler und Kreative, die Verlängerung des Aßmannkanals und über 70 Hektar Grünflächen.

Über 420.000 Besucher wurden bei Ausstellungen, Touren und Veranstaltungen der IBA gezählt. Diese Angebote wurden von Fachleuten und Interessierten aus aller Welt wahrgenommen und waren – neben den Projekten und Konzepten – der Schlüssel zum Erfolg der IBA Hamburg, die so auch als Publikums-IBA wahrgenommen wurde.

Das von der IBA angestoßene private Investitionsvolumen beträgt mehr als 700 Millionen Euro. Dazu wurden öffentliche Investitionen von insgesamt 300 Millionen Euro ausgelöst. Zusätzlich zu ihrem Etat von 90 Millionen Euro hat die IBA Hamburg rund 30 Millionen Euro Haushalts- und Programmmittel der EU, des Bundes und der Freien und Hansestadt akquiriert. Die Entwicklung der Metrozone Wilhelmsburg setzte Potenziale der Stadtentwicklung, insbesondere für den dringend benötigten Wohnungsbau frei, wie sie niemand zu Beginn des IBA-Prozesses erwartet hätte.

Internationale Bauausstellungen sind Stadtlabore. Die abschließenden Ergebnisse wird auch diese IBA erst zeigen, wenn der Alltag auf die Hamburger Elbinseln zurückgekehrt ist.

 

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Film "IBA Hamburg Trailer 2013"
(10:22 Min)